Baehr, Albert
Aus ErPort
Albert Baehr
Stolpersteinstandort: Do-West, Lütge Brückstr. 4
Albert Baehr wurde am 1.9.1878 in Briesen/Mark (Brandenburg) geboren.
Albert Baehr heiratete am 14.5.1902 in Dortmund seine erste Frau Sara/Selma, geb. Löffler, *24.6.1877 in Dortmund. Leopoldstr. 12 war auch gleichzeitig der Wohnsitz der Familie der Schwiegereltern. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor, von denen aber drei im Säuglings- bzw. frühen Kindesalter starben. Dies waren:
Tochter Martha 16.3.1903 – 12.9.1903
Tochter Irma 16.6.1904 – 21.8.1904
Sohn Siegfried 9.6.1910 – 2.10.1911
Nur die am 19.11.1906 geborene Tochter Paula überlebte.
Er ist mit seiner Familie in den unterschiedlichen personellen Zusammensetzungen unter folgenden Meldeanschriften nachweisbar.
Leopoldstr. 12 16.5.1902 – 2.1.1904
Burgholzstr. 63 2.1.1904 – 3.4.1905
Schleswiger Str. 6 3.4.1905 – 5.10.1905
Kielstr. 27 5.10.1905 – 1.7.1909
Nordstr. 57 1.7.1909 – 2.7.1910
Priorstr. 3 2.7.1910 – 4.1.1911
Burgholzstr. 2 4.1.1911 – 11.10.1911
Missundestr. 50 11.10.1911 – 2.1.1914
Thomasstr. 23 2.1.1914 – 8.10.1931
Nordstr. 62 8.10.1931 – 31.10.1933
Lütge Brückstr. 4 31.10.1933 – 7.9.1938
I Kampstr. 118 7.9.1938 – 31.3.1942
Nordstr. 14 31.3.1942 – ohne Abmeldung
Albert Baehr war Arbeiter, später Putzer, Maschinist, Monteur, Elektriker, Elektroinstallateur. In der ersten Eheurkunde von 1902 wird er als Elektrizitätswerksarbeiter und seine Frau als Verkäuferin bezeichnet. Als Elektroinstallateur machte er sich selbständig und eröffnete ein eigenes Geschäft in der Ludwigstr. 8. Während des I. Weltkriegs leistete er Militärdienst bei der Artillerie an der Westfront. Er wurde zum Gefreiten befördert und erhielt das EK II.
Die erste Ehefrau Selma verstarb am 7.6.1924 in Dortmund. Sie wurde auf dem Hauptfriedhof – jüdische Abteilung - bestattet.
Albert Baehr heiratete daraufhin am 28.5.1926 in Recklinghausen seine zweite Frau
Berta, geb. Markus, * 1.9.1888 in Recklinghausen.
Aus dieser Ehe ging der Sohn Günther Markus, * 7.5.1927, hervor.
Die Tochter Paula verließ 1934 das Elternhaus. Sie heiratete am 12.9.1934 den
Moritz Sklanowski , * 6.7.1896 in Kolo Krs. Kolo (Polen).
Moritz Sklanowski hatte wohl nicht bei der Wiederbegründung des polnischen Staates nach dem ersten Weltkrieg die polnische Staatsbürgerschaft angenommen, er wird als „staatenl(os)“ bezeichnet. In den Adress- und Hausstandsbüchern wird er als Kaufmann, Versicherungsmakler und Autovermieter geführt. Das Ehepaar wohnte erst in der Mallinckrodtstr. 111 (27.9.34-8.4.35) und dann in der Schützenstr. 43 (8.4.35-30.10.35).
Anfangs hatte das Ehepaar wohl vor, nach Palästina auszuwandern. Da diese Pläne sich wohl zerschlugen, emigrierten sie über die Niederlande nach Uruguay. Am 30.10.1935 meldeten sie sich in Dortmund nach Amsterdam ab. In der 50/60er Jahren des vorigen Jahrhunderts lebte das Ehepaar in Uruguay. Moritz Sklanowski starb am 24.1.1963. Paula Sklanowski kehrte Ende 1965 nach Deutschland zurück. Sie starb am 9.2.1991 in Frankfurt/M.
Albert Baehr, seine Frau und sein Sohn wurden infolge der nationalsozialistischen Maßnahmen immer mehr diskriminiert, verfolgt und des Vermögens beraubt. In Folge der sogenannten Kristallnacht wurde Albert Baehr am Morgen des 10.11.1938 in die Steinwache gebracht und mit vielen anderen erwachsenen Dortmunder Juden am 12.11.1938 in das KZ_Sachsenhausen überstellt. Als einer der ersten wurde er von dort am 24.11.1938 entlassen. Ab Juli 1939 musste er als Tiefbauarbeiter bei der Firma Ebers und Kemper Zwangsarbeit für 75 Pfennige leisten.
Im Juni 1940 wurde dort auch sein 13-jähriger Sohn Günther für 28 Pfennige Stundenlohn eingestellt.
Alle Versuche Frau und Sohn ins Ausland zu bringen, scheiterten an den Aufnahmequoten der wenigen verbliebenen Aufnahmeländern. Ende November 1940 erklärten sich die Eheleute schriftlich damit einverstanden, dass ihr Sohn zu seiner Halbschwester nach Uruguay ausreise. Es dauert fast noch ein Jahr, ehe er am 11.9.1941 Dortmund verließ und nach Berlin fuhr. Von dort ging es quer durch Deutschland, Frankreich und Spanien und von Bilbao mit dem Schiff nach Montevideo. Er kehrte erst 1967 nach Deutschland zurück und lebt heute in Dortmund.
Albert und Berta Baehr verblieben in Dortmund. Nach gerichtlichen Feststellungen wurde das Ehepaar am 30.4.1942 von Dortmund nach Zamosc deportiert. Ein Indiz dafür ist auch die Personalkarteikarte von Albert Baehr der Fa. Ebers & Kemper. Demnach wurde er am 28.4.1942 aus dem Arbeitsverhältnis entlassen. An diesem Tag sollten sich die Deportierten am Sammelpunkt des Transportes in der Dortmunder Eintrachthalle einfinden. Von den Deportierten dieses Transportes sind keine Überlebenden bekannt geworden. Mehr als die Hälfte der Deportierten soll bereits im Mai 1942 einer „Aktion“ zum Opfer gefallen sein. Es ist anzunehmen, dass auch das Ehepaar Baehr dazu gehörte. Sie wurden wahrscheinlich im Vernichtungslager Sobibor ermordet.
Das Ehepaar Albert und Berta Baehr wurde 1945 amtlich für tot erklärt. Sie sind unzweifelhaft Opfer des Holocaust