Bleicher, Flora
Aus ErPort
Flora Bleicher
Stolpersteinstandort: Do-Ost, Stolzestr. 19
Die Familie Bleicher bestand aus:
Markus Bleicher, Händler später Privatier, *26.4.1842 in Murowana-Goslin Krs. Obornik
Paula Bleicher, *13.9.1873 in Murowana-Goslin Krs. Obornik
Jenny Bleicher, *9.12.1876 in Murowana-Goslin Krs. Obornik
Berta/Bertel Bleicher, *18.2.1883 in Murowana-Goslin Krs. Obornik
Flora Bleicher, * 20.4.1886 in Murowana-Goslin Krs. Obornik
Die Lebenswege der Schwestern Bleicher in Dortmund lassen sich nur lückenhaft rekonstruieren, die noch vorhanden Unterlagen zeigen aber, dass der Vater und die ledigen Schwestern über längere Zeiträume zusammenwohnten.
Die Umstände, die die Bleichers aus ihrem Heimatort Murowana-Goslin in den Westen verschlugen, sind nicht bekannt, dürften aber mit den Folgewirkungen des I. Weltkriegs zu
tun haben
Wickipedia: „Als Teil der Provinz Posen wurde der Kreis Obornik am 18. Januar 1871 gleichzeitig Teil des neu gegründeten Deutschen Reichs, wogegen die polnischen Abgeordneten im neuen Reichstag am 1. April 1871 protestierten.
Am 27. Dezember 1918 begann in der Provinz Posen der Großpolnische Aufstand der polnischen Bevölkerungsmehrheit gegen die deutsche Herrschaft, und im Januar 1919 war das Gebiet des Kreises Obornik unter polnischer Kontrolle.
Am 16. Februar 1919 beendete ein Waffenstillstand die polnisch-deutschen Kämpfe, und am 28. Juni 1919 trat die deutsche Regierung mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrags den Kreis Obornik auch offiziell an das neu gegründete Polen ab.''
Die Bleichers gehörten wohl zur deutschen Bevölkerungsminderheit, die nicht gewillt war, unter polnischer Herrschaft zu leben. In den Hausstandsbüchern findet man die Eintragungen P(reußen) und DR (Deutsches Reich).
Die Familie fand erst in (Wuppertal-)Elberfeld Zuflucht. Dann siedelten sie zu Beginn der 20er Jahre nach Dortmund über.
Als erste zog Tochter Bertel/Berta zu. Im Adressbuch von 1921 erscheint sie mit der
Wohnanschrift Hohensyburgstr. 11. Sie war Verkäuferin bzw. Geschäftsleiterin. Am 3. Mai 1921 zog sie in die Taubenstr. 2 ein. Die weiteren Familienmitglieder folgten.
Vater Markus zog am 13. Januar 1922 aus Elberfeld kommend zu, ebenso die Töchter Jenny und Paula am 18. Dezember 1922. Markus Bleicher war, als er nach Dortmund kam, bereits Witwer.
Am 18. Februar 1924 verlegten die vier ihren Wohnsitz zur Gutenbergstr. 72.
In die Adressbücher wurden Frauen nur eingetragen, wenn sie verwitwet, Geschäfts- bzw. Firmeninhaberinnen oder berufstätig waren. Im Buch von 1926 sind alle Familienmitglieder einzeln erfasst; das heißt, dass alle über eigene Einkünfte verfügten. Paula und Jenny wurden als Rentnerinnen bezeichnet, Flora als Verkäuferin.
Am 7. Oktober 1930 übersiedelten die fünf Personen zur Stolzestr. 19. Hier löste sich die Hausgemeinschaft auf.
Paula Bleicher verstarb am 20. Oktober 1930.
Markus Bleicher verstarb am 13.12.1931.
Jenny Bleicher zog 1934 zum Vinckeplatz 7 und dann am 16. Juni 1936 zur Dresdener Str. 27. Am 22. September 1936 zog sie von dort wieder zur Stolzestr. 19.
Berta Bleicher meldete sich Mitte September 1937 nach Ibbenbüren ab, kehrte aber schon im Oktober d. J. zurück.
Am 7. November 1940 verzogen die drei verbliebenen Schwestern von der Stolzestr. 19 zur Stiftstr. 17. Dieser Wohnungswechsel dürfte wohl nicht freiwillig erfolgt sein. Bei der neuen Anschrift handelte es sich um ein sogenanntes „Judenhaus“. Von dort ging es am 20. Juni 1941 zur Deusener Str. 128. Dabei handelte es sich bereits um eine Unterkunft mit Lagercharakter.
Am 12. Dezember 1941 sollte die erste Deportation von Dortmunder Juden nach Osten erfolgen. Auf einer von der Gestapo an die Stadtverwaltung Dortmund übersandten Personenliste standen auch Bertel und Flora Bleicher, während Jenny dort nicht erwähnt wird.
Die geplante Deportation wurde aber verschoben und ging erst am 27. Januar 1942 vonstatten. Mit diesem Datum und dem Hinweis „nach Riga [1] abgeschoben unter Verlust der Deutschen Staatsangehörigkeit“ wurden die drei Schwestern aus dem Hausstandsbuch der Deusener Str. 128 ausgetragen.
Danach verliert sich ihre Spur.
Im Riga Gedenkbuch sind sie in der Totenliste des Dortmunder Transportes verzeichnet. Die Schwestern Bleicher dürften bereits bei den „Aktionen“ im Ghetto von Riga, spätestens aber nach dessen Auflösung im KZ Kaiserwald ermordet worden sein.
Die Schwestern Jenny, Berta und Flora Bleicher sind eindeutig Opfer des Holocaust.