Kalt, Josef

Aus ErPort

Wechseln zu: Navigation, Suche


Josef Kalt

Stolpersteinstandort: Do-Nord, Burgholzstr. 40

Datei:Stolperstein Josef Kalt.jpg
Stolperstein für Josef Kalt

Die Familie Jäger stammte ursprünglich aus Galizien. Sie bestand aus sechs Personen:


Dem Vater Chaje/Schaje /Oskar Jäger, *17.2.1872 in Solotwina

der Mutter: Esther , geb. Weinrauch , *Nov. 1874 oder 1877 in Solotwina


den Kindern: Chaim , *Okt. 1901 oder 1902 in Solotwina

Lea, *3.8.1903 in Solotwina

Rosa/Drafi , *19.11.1906 in Solotwina

David, *10.6.1908 in Solotwina


Zu welchem Zeitpunkt Chaje Jäger nach Dortmund kam, konnte nicht genau ermittelt werden. Nachweisbar ist er seit dem 3. August 1914 in der Leopoldstr. 30. Er hatte aber bereits zuvor in Dortmund gewohnt, doch ließ sich diese Anschrift nicht feststellen. In der Leopoldstr. 30 war er allein gemeldet. Im September 1915 holte er wohl Frau und Kinder nach Dortmund und gemeinsam bezogen sie am 30.9.1915 eine Wohnung in der Steinstr. 63. Von Juli 1916 bis 1920 wohnte die Familie dann in der Leopoldstr. 31. Der genaue Zeitpunkt des Umzugs 1920 in die Burgholzstr. 40 konnte nicht ermittelt werden. Wahrscheinlich hatte Chaje Jäger zu diesem Zeitpunkt das Haus erworben, denn er wird bereits im Adressbuch 1921 als Eigentümer geführt.

In den Hausstandsbüchern Leopoldstr. 30 und 31 sowie Steinstr. 63 werden die jeweiligen Familienmitglieder mit der Staatsangehörigkeit Oest(erreich) angegeben. Im Hausstandsbuch der Burgholzstr. 40 wurde die anfänglich eingetragene österreichische Staatsangehörigkeit gestrichen und durch „staatenlos“ ersetzt. Über die Staatsangehörigkeit scheint es noch Verhandlungen mit dem Regierungspräsidium in Arnsberg gegeben zu haben, zumindest ist im Hausstandsbuch ein entsprechender Vermerk mit Aktenzeichen verzeichnet. Bei den Eltern bleibt es auch in den Hausstandsbüchern der letzten beiden Dortmunder Wohnsitze und auf der Deportationsliste bei der Einordnung als Staatenlose. Bei der Ehefrau findet sich auf der Deportationsliste zusätzlich der Hinweis fr. pol. (früher polnisch). Für diese polnische Staatsangehörigkeit, die beide infolge des I. Weltkriegs beanspruchen konnten, gibt es aber ansonsten keinen Hinweis.

Obwohl Chaje Jäger bis 1941 in den Adressbücher als Besitzer des Hauses Burgholzstr. 40 bezeichnet wird, mussten er und seine Frau im September 1939 ihre Wohnung dort räumen. Die Kinder hatten bereits früher die elterliche Wohnung verlassen.


Am 15.9.1939 meldete sich das Ehepaar zur Heiligegartenstr. 24 ab. Bei diesem Haus handelte es sich um ein sogenannten „Judenhaus“. Am 14.3.1941 stand ein weiterer Wohnungswechsel nach Hörde zur Hermannstr. 5 – ebenfalls ein „Judenhaus“ – an.


Am 29.7.1942 wurden Chaje und Esther Jäger mit dem Transport X/I nach Theresienstadt deportiert. Esther Jäger verstarb dort am 10.5.1943 und ihr Mann Chaje nur 6 Tage später am 16.5.1943 .


Auch die Tochter Rosa wurde ein Opfer der Shoah. Sie heiratete am 6.1.1931 einen Josef Kalt, *24.8.1898 in Doliniany Krs. Grodek . Josef Kalt war im Januar 1921 von Oldenburg kommend nach Dortmund zugezogen. Lt. Hausstandsbuch bezog das Ehepaar am 31.8.1931 im Haus Burgholzstr. 40 eine gemeinsame Wohnung. Am 13.8.1933 kam die gemeinsame Tochter Lilli in Dortmund zur Welt.


Josef Kalt war durch seinen Geburtsort nach dem I. Weltkrieg polnischer Staatsbürger geworden.


Durch die Eheschließung wurde auch seine Frau Rosa und später die Tochter polnische Staatsangehörige. Am 28.10.1938 wurde deshalb die dreiköpfige Familie ein Opfer der „Polenaktion“ und zur polnischen Grenze deportiert und dort zum Grenzübertritt gezwungen. Nach Auskunft des Landesarchivs NRW in Münster aus der Wiedergutmachungsakte wurde Josef Kalt die Rückkehr nach Deutschland zur Auflösung des Hausstandes erlaubt. Er soll, da zwischenzeitlich der II. Weltkrieg begonnen hatte, bei dem Versuch die Grenze zu überschreiten, inhaftiert und in ein KZ gebracht worden sein.


Die letzte Angabe ist teilweise unzutreffend. Aus einer Randnotiz im Hausstandsbuch Burgholzstr. 40 – „5.9.39 Heiligegartenstr. 27“ - ergibt sich, dass er Dortmund noch erreicht und sich hier bei seinen Schwiegereltern aufgehalten hat. Seine Ankunft wurde sogar offiziell als Zuzug im Hausstandsbuch Heiligegartenstr. 24 verzeichnet. Bestätigung findet dieser Aufenthalt auch durch die Haftbücher der „Steinwache“, wo sich zwei Eintragungen finden lassen. Diesen Eintragungen nach befand er sich vom 12.9. bis zum 16.9.1939 in der „Steinwache“ und wurde dann abtransportiert, wobei das Transportziel nicht angegeben wurde. Für die Yad-Vashem-Database gibt seine Schwägerin als Aufenthalt während des Kriegs „Germany Camp“ an. Dort gilt er als verschollen. Todesdatum und Todesort waren bisher unbekannt.

Im Hausstandsbuch wurde seine Festnahme und Verschleppung nicht als Abmeldung verzeichnet. Seine Abmeldung erfolgte wohl erst durch die Benachrichtigung über seinen Tod. Lt. diesem Abmeldevermerk ist er am 31.5.1942 verstorben. Beurkundet wurde der Tod durch das Standesamt Ravensbrück II , dem Sonderstandesamt des KZ Ravensbrück. Doch auch diese Beurkundung ist wohl nachträglich erfolgt. Da eine große Anzahl von jüdischen Häftlinge der „Steinwache“ in das KZ-Sachsenhausen überstellt wurden und das kleine Männerlager des Frauen-KZ Ravensbrück mit Häftlingen aus Sachsenhausen belegt wurde, wurde in den entsprechenden Mahn- und Gedenkstätten ange-fragt. Die Antworten lassen zwar noch große zeitliche Lücken offen, doch belegen sie ungefähr den weiteren Ablauf. Lt. der Häftlingsdatenbank des Mahn- und Gedenkstätte Sachenhausen wurde er am 18.9.1940 in das dortige KZ eingeliefert und erhielt die Häftlingsnummer 32922. Rückfragen bei der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück ergaben, dass der Häftling Nr. 715 Josef Kalt im März 1942 in die ehemalige Euthanasieanstalt Bernburg überstellt wurde und dort am 23.3.1942 in der Gaskammer getötet wurde.

Rosa Kalt verblieb nach den Angaben ihrer Schwester gegenüber Yad-Vashem in Polen und soll dort 1940 noch einen Sohn namens Yaakov (Jakob) geboren haben. Als dortiger Wohnort und wahrscheinlich auch Todesort ist Stanislawow (deutsch Stanislau, jetzt Ukraine) angegeben. Nach der Wiedergutmachungsakte im Landesarchiv NRW hatte sie in Stanislawow Verwandte, zu denen sie sich begab. Sie und ihre Kinder fielen wohl bereits kurz nach Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion einer Mordaktion zum Opfer.


Mindestens drei der Kinder von Chaje und Esther Jäger konnten dem Holocaust entkommen.


Sohn David meldete sich bereit im Mai 1930 nach Palästina ab.


Tochter Lea heiratete am 19.10.1925 einen Elias Königsberg, *11.11.00 in Bendzin, der damals in Essen wohnte. Ab Januar 1926 wohnte die Familie im Haus der Eltern. Am 20.10.1930 wurde der Sohn Robert in Dortmund geboren. Durch den Mann hatte Lea Königsberg die polnische Staatsangehörigkeit erhalten. Die Familie emigrierte am 14.10.1933 nach Krakau. Dies war aber nur eine kurze Zwischenstation, denn die Familie wanderte von dort nach Palästina aus. In den 50er Jahren lebte die Familie in Israel.


Sohn Chaim zog 1929 für 7 Monate nach Berlin, kehrte dann aber ins Elternhaus zurück, wo er nach den Eintragungen wohl bis 1938 verblieb. Das Hausstandsbuch Burgholzstr. 40 verzeichnet für ihn als Abmeldung “27.11.38 in Belgien eingetroffen“. Zu diesem Zeitpunkt war er wohl noch ledig. Nach der Wiedergutmachungsakte im Landesarchiv NRW war er im November 1938 – wahrscheinlich im Zusammenhang mit der sogenannten „Reichskristallnacht“ – Opfer eines massiven Angriffs geworden. Weiteren Verfolgungen entzog er sich durch Flucht und illegalen Grenzübertritt nach Belgien. Von dort gelangte er im Mai 1939 noch rechtzeitig nach England. Dort wurde er bei Kriegsbeginn als feindlicher Ausländer interniert und nach Kanada verbracht. Am 30.5.1942 erfolgte seine Freilassung und Rückkehr nach England. Lt. seinem Wiedergutmachungsantrag lebte er Anfang der 60er Jahre in London.

Lange Jahre lebte in dem Haus Burgholzstr. 40 eine Verwandte, deren Verwandtschaftsgrad bisher nicht geklärt werden konnte:


Rosa Jäger, geb. Jäger, *Mai/Juni 1886 in Solotwina, zog drei Tage vor der Familie Jäger in die Steinstr. 63. Sie kam damals aus Pecinew . Nachweisbar ist sie in den Hausstandsbüchern:


Steinstr. 63 (27.9.1915 – 14.11.1916)

Priorstr. 13 (14.11.1916 – 7.8.1917)

Leopoldstr. 12 (7.8.1917 – 7.2.1921)

Burgholzstr. 40 (7.2.1921 – 28.1.1930)

Westerbleichstr. 51 (27.1.1930 – 12.10.31)

Mallinckrodtstr. 190 (10.10.1931 – 8.6.1933)

Münsterstr. 1a (8.6.1933 – 28.9.1934)

Ikestr. (28.9.1934 - ? keine Abmeldeeintrag)


Es bestand also an zwei Wohnorten und über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren ein wohnlicher Zusammenhang.

Rosa Jäger, geb. Jäger, wurde anfangs als Händlerin bezeichnet, später wird unter „Stand oder Gewerbe“ mehrfach auch Witwe eingetragen. In den Hausstandsbüchern der ersten drei Anschriften wurde ihr Familienstand mit „ledig“ angegeben. In dem Buch der Leopoldstr. 12 wurde dieser Eintrag nachträglich gestrichen und durch „verw(itwet)“ ersetzt. Da sie immer als Einzelperson auftrat und auch ansonsten keine Personenstandsveränderungen hinzugefügt wurden, ist anzunehmen, dass sie bereits als Witwe nach Dortmund kam. Noch bis zur Westerbleichstr. 51 erfolgte als Staatsbürgerschaftseintrag „Oester(reich)“. Ab der Mallinckroftstr. 190 steht in der entsprechenden Spalte „Polen“.


Rosa Jäger ist in den Dortmunder Adressbücher bis 1939 eingetragen. In den beiden folgenden noch erschienenen Jahrgängen ist kein Eintrag mehr zu finden. Da auch kein Abmeldeeintrag in das Hausstandsbuch Ikestr. 7 erfolgte, konnte ihr weiteres Schicksal nicht verfolgt werden. Auch in der Yad-Vashem-Database ist kein Eintrag vorhanden. Obwohl ihr Schicksal als vollkommen ungeklärt angesehen werden muss, lassen die Unterlagen Vermutungen zu. Dass sie noch im Adressbuch 1939 auftaucht, ist wahrscheinlich mit dem frühen Redaktionsschluss für dieses Buch zu erklären. Da sie Polin war, muss sie als potentielles Opfer der „Polenaktion“ vom 28.10.1938 angesehen werden. Als Einzelperson, deren familiäre Verbindungen abgerissen waren, haben wahrscheinlich nicht einmal die überlebenden Kinder der Familie Jäger einen Kontakt herstellen bzw. etwas über ihr Schicksal in Erfahrung bringen können. Unter Einbeziehung aller Fakten kann es als sehr wahrscheinlich angesehen werden, dass Rosa Jäger, geb. Jäger, ein Opfer der Shoah wurde.

Neben einigen Verwandten der Jägers, die sich nur kurzfristig im Hause aufhielten, sind im Hausstandsbuch Burgholzstr. 40 noch weitere jüdische Familien verzeichnet, und zwar die Familien Fischer, Bienstock, Chilewicz/Rabner, Gelobter, Lieber und Artmann.


Schlussfolgerungen: Chaje und Esther Jäger sind nachweisbar Opfer der Shoah.