Karfreitags-Morde
Aus ErPort
Die Karfreitags-Morde
Exekution mit Zwischenfall
Vom 8. März bis zum Eintreffen der Amerikaner am 12. April 1945 erfolgten zehn Exekutionen. Die ersten Exekutionen von länger einsitzenden Häftlingen wurden zwei Tage vor der großen Massenverhaftung vom 9. Februar vollzogen . Die letzte am 12. April, als sich die US-Truppen schon von Norden Dortmund näherten.
Die Staatsanwaltschaft hat die zehn Massenerschießungen in der Zeit von 1945 bis 1952 in Ermittlungsergebnissen protokolliert. Wir dokumentieren den Bericht von der dritten Exekution. Er zeigt, dass selbst in dieser hoffnungslosen Situation noch Widerstandsgeist lebendig ist..
Aus dem Protokoll der Staatsanwaltschaft:
In der Bittermark - Wald -. Die 3. Exekution hat, entgegen der Annahme der Zeuginnen Meyer, Thül und Meine, nicht am 31. 3.1945 (Karsamstag), sondern in der Frühe des 24. 3.1945 stattgefunden.
Am Tage vorher ist Kriminalkommissar Gilbrich von dem Kraftfahrer Kalusch von der Einmündungsstelle der Olpketalstraße in die Kirchhörder Straße her unter Benutzung des rechten von zwei Waldwegen in die Waldungen der Bittermark gefahren worden. Um vom Weg in den Wald und in das (Bomben-)Trichterfeld zu kommen, mussten Gilbrich und Kalusch eine verhältnismäßig hohe Böschung hinaufklettern. Nachdem Gilbrich sich verschiedene Trichter angesehen hatte, erklärte er den mit C bezeichneten, in dem etwa 25 Leichen Platz finden könnten, als ‚prima’ und besonders geeignet.
Das von den Kriminalkommissaren Gilbrich und Ottinger am gleichen Abend eingeteilte Exekutionskommando erfuhr in der Frühe des folgenden Tages (1.30 Uhr), dass ein Lkw nicht zur Verfügung stand (angeblich war ein aufgetretener kleiner Kühlerschaden von dem Kraftfahrer Michael absichtlich derart vergrößert worden, dass der Lkw nicht fahrbereit war) und der Transport zu Fuß durchgeführt werden müsste. Nach der befohlenen Marschordnung gingen die Häftlinge, unter denen sich nach den Aussagen der Zeuginnen Meyer, Thül und Meine auch Frauen befanden, mit auf dem Rücken gefesselten Händen in Rotten zu zweit oder dritt nebeneinander, links und rechts von je einem Beamten flankiert und zum Schluss von Beamten noch besonders gesichert. Kriminalkommissar Ottinger, der das Kommando führte, schritt am Schluss neben dem Zug her. Als sich die Spitze auf der Zillestraße in Höhe des Eingangstores zum Platz der Zeche befand, brach plötzlich der Russe Max, angeblich ein als gewalttätig berüchtigter Plünderer, aus der Mitte des Zuges nach rechts auf den Zechenplatz aus. Der Kriminalsekretär Kolb folgte ihm, von seinem Vordermann Maniera nicht bemerkt, auf den Fersen. Maniera, der nur einen dunklen Schatten gesehen und diesen für den des flüchtigen Russen gehalten haben will, brachte seine Maschinenpistole in Anschlag, schoss in Richtung des dunklen Schattens und traf seinen Kameraden Kolb tödlich. Ottinger nahm dem Verzweifelten Maschinenpistole und Dienstpistole ab und ließ ihn zur Dienststelle zurückgehen.
Nach diesem Zwischenfall wurde der Marsch fortgesetzt. Unweit der Einmündung der Olpketalstraße in die Kirchhörder Straße wurde nochmals gerastet. Dann ging es in den Wald hinein. 50 bis 100 m vor dem Trichter verließ der Zug den Hauptwaldweg und marschierte auf einem ausgetretenen Weg etwa 20 m in den Wald hinein. Hier ließ Ottinger den Zug halten, teilte Männer (Demant /?/) zur Absperrung ein und ließ die Erschießungen durchführen. Der Kriminalassistent Holte musste zwei- oder dreimal einen Russen übernehmen und am Trichter erschießen. Der Trichter ist wie üblich mittels Schaufeln, die mit einem Pkw an Ort und Stelle gebracht worden wurden, zugedeckt worden.
Der geflohene Häftling hat später lebend seine sowjetische Heimat erreicht.
Der Hergang des Verbrechens wird rekonstruiert
Seit jeher waren der Rombergpark und die Bittermark beliebte Ausflugsorte der Dortmunder. Nun war sie Stätte des Grauens geworden. Im Verlauf der Beweisaufnahme und durch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ist der Hergang der Verbrechen im Rombergpark folgendermaßen erwiesen:
Vor Sonnenaufgang, zwischen schwindender Nacht und dämmerndem Tag, werden die Opfer mit Lkws in den Wald gebracht. Das Motorengeräusch verstummt. Absperrposten werden aufgestellt. Man hört kurze Kommandos, Kasernenhofausdrücke und gemeine Schimpfworte; zwischendurch wütendes Hundegekläff und dann Schüsse. Die Gefangenen werden ermordet. Kurze Zeit darauf fahren die leeren Lkws den Weg zurück, den sie gekommen sind.
Die Teilnehmer der Exekutionskommandos erhalten danach doppelte Rationen alkoholischer Getränke. Im Schwurgerichtssaal in Dortmund gaben die Angeklagten zynisch zu, dass sie zur Herstellung ihres seelischen Gleichgewichts nach den Exekutionen Sonderrationen an Schnaps und Zigaretten bekommen haben.
Die Mörder waren bemüht, ungebetene Zuschauer bei der Durchführung ihres Verbrechens fernzuhalten und alle Spuren möglichst rasch zu beseitigen. Im Rombergparkprozess traten Zeugen auf, die aussagten, dass sie von Absperrposten aufgefordert worden waren zu verschwinden. Auf Fragen nach dem Grund ihrer Absperrungen bekamen sie die Antwort: Es handele sich um Schießübungen, es würden neue Waffen ausprobiert.
Als Zeuge hat der Erste Staatsanwalt Dr. Sperling eine Schilderung der Bestattung gegeben: „Ich wurde zu der Beerdigung am Sonntag, dem 22. April 1945 hinzugezogen. Um 13 Uhr luden mich zwei Männer ein, an der Beisetzung teilzunehmen. Mit anderen Hausgenossen war ich gegen 14 Uhr auf der Spielwiese in der Bittermark. Die ausgegrabenen Leichen lagen am Waldrand, es konnten 90 bis 100 sein. Ich sollte versuchen, die Personalien der getöteten Personen festzustellen. Um das durchzuführen, wurden ein Kriminalbeamter und ich dazu ausersehen, die entsprechenden Maßnahmen zu treffen. Etwa die Hälfte der Leichen haben wir untersucht nach irgendwelchen Ausweisen. Die meisten Leichen hatten aber nichts an Papieren bei sich. Dann haben wir Stoffproben genommen. Über alle Maßnahmen und Befunde wurde ein Protokoll angefertigt und es wurden photographische Aufnahmen gemacht. Die Leichen lagen auf dem Rücken. Ich sehe heute noch vor mir einen jungen Mann. Man musste mit einer Drahtschere die Fesseln lösen, damit die Opfer ungefesselt ins Grab kamen. Sehr viele Opfer trugen Bergmannskleidung; es waren durchweg Menschen aus den einfachen Ständen.“
Auf eine Frage, ob er den Eindruck gehabt habe, dass diese Fesseln später, erst nach den Ausgrabungen angelegt worden seien, antwortete er: „Nein, nein! Der Stacheldraht war ja tief in das Fleisch an den Gelenken eingedrückt.“
Die im Rombergpark geborgenen Leichen wurden auf Planwagen geladen und nach Hörde gebracht. Eine ungeheure Menschenmenge säumte die Straßen und bildete ein Spalier. Die Leichenhalle im Sankt-Josefs-Hospital war zu klein, um die Leichen aufzunehmen. Der Zug setzte sich dann fort zum evangelischen und katholischen Friedhof. Hier wurden die Leichen auf die Erde gelegt. Immer wieder defilierten Menschen an den Opfern vorbei und prüften, ob sie jemanden wiedererkannten.
Aus: Ulrich Sander, Mörderisches Finale - Naziverbrechen bei Kriegsende, Herausgegeben vom Internationalen Rombergparkkomitee