Moscher, Mendel
Aus ErPort
Mendel Moscher
Stolpersteinstandort: Do-Nord, Heiligegartenstr. 10
Mendel Moscher wurde 1897 geboren.
Ida Abresch wurde am 5.5.1900 in Bittermark als Kind evangelischer Eltern geboren.
Nach dem Tod der Mutter heiratete der Vater erneut. Die Stiefmutter brachte zwei eigene Kinder in diese Ehe ein. Die Familie ließ sich 1919/20 in der Krautstr. 11 nieder.
Ida Abresch brachte am 31.12.1920 ein uneheliches Kind zur Welt, den Sohn Otto. Eine Eheschließung mit dem Kindsvater soll durch ihren Vater verhindert worden sein, da er einer nicht genehmen Konfession angehörte.
Der spätere Ehemann der Ida Abresch zog erstmalig im Herbst 1920 für wenige Wochen, damals noch unter dem Namen Mendel Moses, in die Krautstr. 11 ein. Im Februar 1922 erfolgte sein endgültiger Zuzug.
Am 7.6.1922 brachte Ida Abresch ein weiteres Kind zur Welt, eine Tochter, die den Namen Ida erhielt. Dies Kind starb aber bereits am folgenden Tag. Ob Mendel Moscher der Kindsvater war, konnte bisher nicht eindeutig festgestellt werden, da auch der Beginn der Beziehung nicht feststellbar ist.
Zu der am 2.12.1926 geborenen Tochter Rosa bekannte sich Mendel Moscher aber später eindeutig. Dass es sich damals um eine Zwillingsgeburt handelte, wurde erst durch ein Interview mit der Tochter bekannt. Ihr Bruder Hermann Egon verstarb bereits im Juli 1927. Auf der Geburtsurkunde der Tochter Rosa wird die Mutter als ledige Haushälterin bezeichnet.
Nach deutschen Rechtsvorstellungen lebte das Paar Mendel Moscher und Ida Abresch im Konkubinat, da keine standesamtliche Trauung erfolgt war. Subjetiv fühlte sich Ida Abresch aber als Ehefrau, da sie wohl Mendel Moscher nach jüdisch-orthodoxem Ritus geheiratet hatte.
Diese nach deutschem Recht ungültige Eheschließung kann wohl nur in einem der Betsäle in der Nordstadt erfolgt sein.
Die zugewanderten Juden aus Galizien sonderten sich von der jüdischen Kultusgemeinde Dortmunds ab. Diese staatlich anerkannte Gemeinde mit dem Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts hätte keine religiöse Eheschließung ohne vorhergehende standesamtliche Trauung vornehmen dürfen . Die religiösen Gemeinschaften der galizischen Juden hatten keine staatliche Anerkennung und ignorierten auch die Vorschriften des Deutschen Personenstandsrechts.
Soweit erkennbar und nach Aussagen der Tochter konvertierte sie – wiederum nicht amtlich – zum Judentum. Die Tochter wurde jüdisch erzogen und besuchte die jüdische Volksschule.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten setzten die Verfolgungsmaßnahmen ein. Völlig prekär wurde die Lage durch den Erlass der „Nürnberger Gesetzen“. Nun war die eheliche Gemeinschaft nicht nur ein Konkubinat, sondern strafbedrohte „Rassenschande“.
Mendel Moscher verließ umgehend die eheliche Wohnung und wohnte – zumindest offiziell – in der näheren Nachbarschaft.
Um die eheliche Gemeinschaft wieder herzustellen, unterwarfen sich die Eheleute nun den deutschen Rechtsvorschriften, was aber für die Ehefrau zu erheblichen Nachteilen führte. Um Mendel Moscher standesamtlich heiraten zu können, musste Ida Abresch offiziell zum Judentum konvertieren, um damit in den rechtlichen Stand einer „Geltungsjüdin“ versetzt zu werden. Damit wurde sie aber auch allen antijüdischen Maßnahmen der Nationalsozialisten unterworfen. (Diese Ehe bewirkte auch keine Schutzfunktionen für den jüdischen Ehemann, da es sich nicht um eine sogenannte „bevorrechtigte Ehe“ handelte.)
Am 1.12.1937 heiratete das Paar standesamtlich und erkannte gleichzeitig die Tochter als gemeinsames Kind an. Da die Staatsbürgerschaft der Frau von der des Mannes bestimmt wurde und Mendel Moscher polnischer Bürger war, verlor sie mit der Eheschließung auch noch die deutsche Staatsangehörigkeit.
Als Ende Oktober 1938 während der Polenaktion die meisten polnischen Juden nach Polen deportiert wurden, begleitete sie mit ihrer Tochter ihren Mann. In Zbaszyn nahe der deutschen Grenze richteten die polnischen Behörden Internierungs- bzw. Übergangslager ein.
Im August 1939 - kurz vor Kriegsbeginn – siedelte die Familie nach Lublin über. In Lublin blieb die Familie auch zusammen, als die deutschen Besatzer die jüdische Bevölkerung in ein Ghetto zwang und dieses immer mehr verkleinerte. Die endgültige Trennung der Eheleute erfolgte erst, als die Ghettoeinwohner in das KZ Majdanek gebracht wurden.
Mutter und Tochter gelang - mit Hilfe eines SS-Mannes - die Flucht von einem Außenkommando des KZ. Sie tauchten in Lublin unter. Der Ehemann kam später in Majdanek um. Er wurde wohl mit Tausenden von anderen Juden bei der sogenannten Aktion „Erntefest“ erschossen.
Wohl mit Hilfe ihres Sohnes, der damals in Lublin stationiert war, gelang es ihr, ihre deutsche Geburtsurkunde zu bekommen und damit einen zumindest halblegalen Status zu erhalten. Aus Sicherheitsgründen ließ sie sich von einem deutschen Gericht in Lublin von ihrem Ehemann scheiden und legte auch später den Ehenamen ab. Dies geschah aber wohl nur unter dem permanenten Verfolgungsdruck und zur Sicherheit ihrer Tochter und nicht aus freiem Willen, wie ihre späteren Handlungen zeigen.
1945 kehrte sie mit der Tochter unter abenteuerlichen Umständen nach Dortmund zurück. Soweit ersichtlich, war sie nicht bereit, die Scheidung und den Namenswechsel zu akzeptieren. Infolge der jahjahrelangen Verfolgung war sie gesundheitlich schwer geschädigt. Als sie Anfang 1948 in die Städtischen Krankenanstalten aufgenommen wurde, geschah dies als Ehefrau mit dem Namen Moscher.
Als sie dort am 21.2.1948 an Herzmuskelentartung verstarb, wurde dieser Todesfall vom Standesamt mit dem Namen Moscher beurkundet. Erst 10 Jahre später wurden durch eine Randnotiz die „fehlerhaften“ Angaben „berichtigt“.
Der Tod von Ida Moscher-Abresch steht wohl in einem ursächlichen Zusammenhang mit dem Holocaust und kann als Folgewirkung angesehen werden. Sie hat, soweit es ihr möglich war, das Schicksal ihres jüdischen Ehemannes geteilt. Die Scheidung und der Namenswechsel erfolgten erst, als sie auf die Geschehnisse keinen Einfluss mehr nehmen konnte und sie um die eigene Sicherheit und die ihrer Tochter bemüht sein musste. Inhaltlich hat sie dies aber wohl nie akzeptiert.