Schüler bringen Stolperstein ins Rollen
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Schüler bringen Stolperstein ins Rollen
Galina sitzt im Stadtarchiv. Neben ihr liegt ein historisches Foto aus der Weimarer Zeit. Es zeigt das Bettengeschäft Friede am Ostenhellweg. Dort wohnten die Familien Friede und Nussbaum. Die meisten Familienmitglieder starben im Holocaust. Ihnen werden jetzt Stolpersteine gesetzt.Die Schülerin des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums, gehört zu den rund 40 Schülerinnen und Schülern, die unter Anleitung und Hilfe ihrer Lehrkräfte individuelle Schicksale und Zusammenhänge von Opfern der Nazizeit recherchierten, mit Nachfahren und Zeitzeugen sprachen. Fakt für Fakt trugen sie so die Informationen für „ihre” Stolpersteine zusammen. Iniitiert wurde die Dortmunder Beteiligung an den Stolpersteinen von Michaela Poelke, Lehrerin an der Hauptschule Mengede. Drei Jahre hat die Umsetzung gedauert. „Es war ein langwieriger Weg, aber nicht stolprig.” Die Aktion gebe es in vielen Städten. Doch die Besonderheit hier sei gewesen, dass Schüler recherchierten. Sie brachten den (Stolper-) Stein ins Rollen.
Durch die persönliche und emotionale Auseinandersetzung mit einem einzelnen Schicksal ist Geschichte besser zu fassen, als nur die Zahlen von Millionen Opfern”, so Poelke. Unterstützt wurden die dabei vom Stadtarchiv. „Es ist ein hervorragendes Projekt”, lobte Archiv-Leiter Dr. Günther Högl. Dieses basisorientierte Gedenken erinnere und konfrontiere gleichzeitig. Das Stadtarchiv stand den Schülern bei den Recherchen zur Seite. Denn die Quellenlage ist mehr als schwierig, betont Archivar Dieter Knippschild. Er erstellt zu allen Personen, die einen Stolperstein bekommen, ein Gutachten. Es ist oft die Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Denn die Dortmunder Archive des Einwohnermeldeamtes, des Arbeitsamtes und der AOK wurden im Krieg zerstört. Also müssen Adressbücher und die so genannten Hausstandsbücher, Bestandteil des damaligen Meldesystems, helfen. Aber auch Gedenkbücher wie etwa aus Riga und Theresienstadt, Wiedergutmachungs-Unterlagen, jüdische Gemeindelisten oder Denunziationsunterlagen können bei der Spurensuche helfen, ebenso wie die Listen der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Das ist zeitaufwändig: „Eine ganze Familie zu überprüfen kann leicht ein bis zwei Tage dauern”, berichtet Knippschild. Doch Gründlichkeit sei wichtig. „Es ist schon vorgekommen, dass Überlebende vor ihrer eigenen Gedenktafel gestanden haben”, weiß Knippschild.Die Stolpersteine wirken - Neugierige Blicke sind ihnen sicher. So wie die zweier Straßenfeger, die rätselnd vor den golden schimmernden Platten stehen. "Das sind doch diese Erinnerungssteine." Sie erinnern an Juden, die unter der Nazi-Herrschaft zu leiden hatten, in Lager verschleppt wurden und dort vielfach umkamen. Die ersten drei Steine setzte Demnig vor dem Haus Gneisenaustraße 93. Schüler der Hauptschule Mengede hatten die Biographien der Familie Schnog recherchiert. Eugen und Johanna Schnog brachten dort am 31. Dezember 1927 ihre Tochter Edith zur Welt. Sie wurden 1940 zum Umzug in ein so genanntes Judenhaus gezwungen - eine Vorbereitung zur Deportation. Ihr Lebensweg verliert sich. Sie wurden für tot erklärt. Eine ehemalige Freundin wohnt sogar noch im gleichen Haus. Doch sie will davon nichts mehr wissen: "Das ist schon alles so lange her", war ihr eher einsilbiger Kommentar. Auch wenn sie sich nicht erinnern will - künftig wird sie tagtäglich über die Namen stolpern. Weitere acht Steine sind jetzt auf dem Ostenhellweg zu sehen - vor dem Haus 41. Schülerinnen und Schüler des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums hatten hier die Schicksale der Familien Friede und Nussbaum recherchiert. Walter Friedes Lebensweg endete im Ghetto Riga. Seine Frau Marta starb im KZ Stutthof. Tochter Cläre, geboren am 7. April 1924, starb wohl ebenfalls im KZ Stutthof. Nur Sohn Ernst überlebte. Er schaffte es, Deutschland zu verlassen und überlebte in Schweden. Auch Margot Nussbaum, geboren am 1. August 1920, schaffte es über eine jüdische Organisation zu fliehen. Über England wanderte sie nach Palästina aus. Ihre Familie hatte weniger Glück: Ihre Eltern Julius und Meta wurden nach Zamosc deportiert. Das Schicksal ihres Bruders Günther ist unklar. Alle drei wurden nach dem Krieg für tot erklärt. Ihre Steine tragen - wie viele andere - das Datum 8. Mai 1945.
Potential für Stolpersteine gibt es noch reichlich: 25 Patenschaften für 100 Steine sind bereits angekündigt. Doch über 7000 Namen jüdischer Bürger sind beim Stadtarchiv gelistet. Hinzu kommen andere Opfergruppen des NS-Regimes: Politisch Verfolgte, Euthanasie-Opfer und Homosexuelle. Auch für sie werden beim nächsten Mal Stolpersteine gelegt, berichtet Koordinator Dr. Rolf Fischer. Für eine weitere Opfergruppe hat sich allerdings bisher noch niemand interessiert: 180 Dortmunder Sinti und Roma wurden deportiert, darunter 80 Kinder. Für sie gibt es bisher keine Paten.

