Unsere Fahrt nach Auschwitz 2010 JGR
Aus ErPort
Inhaltsverzeichnis |
Unsere Fahrt nach Auschwitz
Vom 12. bis zum 18. April dieses Jahres sind wir (acht Schüler und Schülerinnen der Geschichts-AG der Johann-Gutenberg-Realschule) mit dem Verein „Zug der Erinnerung“ nach Auschwitz gefahren. Ausgangspunkt war Berlin, wo wir noch circa 120 andere Jugendliche aus ganz Deutschland trafen. Alle hatten bereits Spuren von deportierten und ermordeten Kindern während des Nationalsozialismus gesucht.
Berlin
Wir haben in Berlin Kreuzberg in einer Jugendherberge gewohnt. Nachdem Montag nachmittags alle eingetroffen waren, wurden wir in fünf Gruppen aufgeteilt und hatten erste Gelegenheit, uns untereinander kennen zu lernen.
Wir wurden der Ludwigshafener- und Münchener Gruppe zugeteilt. Zu den Ludwigshafenern haben wir heute noch Kontakt.
Nachmittags ist unsere Gruppe mit Frau Posthoff losgegangen. Wir haben das Brandenburger Tor, die Straße „Unter den Linden“, den Checkpoint Charlie und das gut bewachte Jüdische Museum besichtigt. Damit wir noch mehr sehen konnten, haben wir auf das Abendessen in der Jugendherberge verzichtet und sind zum Reichstag gegangen. Um 18 Uhr kamen wir dort an. Wir mussten lange warten und wurden streng kontrolliert, bis wir mit unserem Audioguide durch die Spirale bis in die Spitze der gläsernen Kuppel hinein wandern konnten. Der Ausblick von dort war so spannend, dass wir uns kaum davon trennen konnten.
Mittlerweile war es dunkel, doch wir haben noch einen Abstecher zum Holocaust-Denkmal gemacht. Das bestand auf den ersten Blick nur aus schwarzen Steinen, entwickelte aber nach und nach eine Faszination. Wir hatten das Gefühl durch dunkle Straßen zu laufen und meinten, hinter jeder Ecke lauere etwas Unheimliches. Wir bekamen Angst, weil wir nichts mehr sahen und nur hohe schwarze Blöcke um uns standen. Außerdem haben sich die Jungen einen Spaß daraus gemacht, uns zu erschrecken. Das war noch gruseliger!
Als wir aus dem Denkmal herauskamen, haben wir uns etwas zu essen und Stühle gegönnt, was sehr entspannend war. Nach der kleinen Stärkung schlug Frau Posthoffs Sohn vor, dass wir zurück zur Jugendherberge laufen könnten. So würden wir Berlin noch einmal bei Nacht sehen.
Am nächsten Tag war unsere Gruppe im Schöneberger Rathaus und hat sich die Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ angeschaut. In der Ausstellung sind Lebensgeschichten von Juden nachzulesen - Lebensgeschichten, die ihre Nachbarn über sie schrieben, nachdem sie plötzlich verschwunden waren. Insgesamt berichten 126 Zeitzeugen. Eine schreckliche Geschichte haben wir in Erinnerung, die eine Frau in einem Film schildert, der dort auch zu sehen war: Sie habe aus dem Fenster heraus beobachtet, wie SS-Soldaten ein schreiendes Baby gegen einen Transporter schlugen, weil die Mutter nicht einsteigen wollte.
Außerdem waren in der Ausstellung 6.000 Karteikarten ausgestellt, auf denen Namen von Juden mit deren Geburts- und Sterbedaten standen, sowie Todesort (KZ) und die Straße, in der sie einmal gewohnt haben. Die Anzahl der Karten, die die deportierten Menschen unvergessen machen sollen, war erschlagend.
Im Anschluss haben wir uns auf weitere Spurensuche ins bayrische Viertel begeben. Dort haben früher viele Juden gelebt.
Fahrt nach Oświęcim
Mittwoch ging es dann nach Oświęcim. Dieser Name heißt übersetzt auf Deutsch „Auschwitz“. Doch die Einwohner dort mögen es nicht, wenn man sagt: „Wir fahren nach Auschwitz“, weil damit sofort die Konzentrationslager in Verbindung gebracht werden. Deshalb sollte man immer Oświęcim sagen und nicht den deutschen Namen „Auschwitz“ verwenden.
Während der ungefähr 10stündigen Zugfahrt haben wir fleißig Polnisch gelernt, in kleineren Gruppen, versteht sich. Einige Reisende in den 1. Klasse-Abteilen sind freundlicherweise für uns enger zusammengerückt und haben uns Platz gemacht. Es war gerade zu der Zeit als der polnische Präsident mit dem Flugzeug abgestürzt war und viele Polen trauerten. Trotz dieser Situation und des ernsten Hintergrunds der Fahrt haben wir hier viel Spaß gehabt: Es war laut und sehr kommunikativ, überall hörte man Musik, einige spielten, insgesamt wurde viel gelacht, die Stimmung war allgemein sehr freundlich, alle waren interessiert aneinander. Wo kommst du her ? Was habt ihr schon in Geschichte gemacht ? Worüber habt ihr recherchiert ? Das waren die Fragen, die wir am häufigsten stellten und beantworteten.
Unsere Unterkunft in Oświęcim war im Gegensatz zu der Jugendherberge in Kreuzberg fast wie ein Hotel. Nach der ersten Nacht hier war jeder gut ausgeschlafen, denn am Donnerstagmorgen fand eine 4-stündige Führung im KZ statt.
Auschwitz I
"Auschwitz I", das in alten polnischen Kasernen untergebracht war, wurde zum "Stammlager". Zu Beginn wurde es für polnische Häftlinge benutzt, später auch für polnische Widerstandskämpfer und sowjetische Kriegsgefangene.
Kaum war man durch das Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ gegangen, war man nur noch von Stacheldrahtzäunen mit ca. 10 000 Volt umgeben.
Hauptsächlich wurde es als Arbeitslager benutzt. Das Auschwitzorchester musste die Menschen zu und von der Arbeit mit Marschmusik begleiten.
Von der Lagerleitung wurden in jedem Block „Berufsverbrecher“ ausgewählt, das waren Kriminelle, die man direkt aus den Gefängnissen holte und auf die einzelnen Blocks verteilte. Sie führten die Befehle des Lagerkommandanten besonders brutal aus.
Den Block mit der Nummer 11 nennt man den „Todesblock“, weil dort die ersten Vergasungsversuche durchgeführt wurden. Außerhalb des Todesblocks gab es die so genannte Todeswand, wo Gefangene einfach vor eine Wand gestellt und erschossen wurden. Um ihnen die letzte Würde zu nehmen, mussten sie sich vorher nackt ausziehen.
Die Krankenabteilung befand sich direkt gegenüber vom Todesblock. Dort wurden grausame medizinische Versuche durchgeführt u.a. durch Mengele.
Die in den Baracken hergerichteten Ausstellungsräume waren bis an die Decke mit Frauenhaaren, Kinderschuhen, Koffer und Prothesen, die die Menschen getragen hatten, gefüllt. Wir dachten im ersten Moment, das sei alles nachgemacht, aber es war echt, und das war das Schlimmste. Das war viel schlimmer als erwartet.
Wir dachten, wir gehen nur durch Baracken und haben mit so etwas überhaupt nicht gerechnet. Frau Posthoff hat uns dann gefragt, ob wir eine Pause brauchen und einige von uns brauchten sie tatsächlich. Wir konnten nicht verstehen, wie Menschen andere Menschen so behandeln können.
Unsere Gruppe wurde von Josef Aron, einem Zeitzeugen im Alter von 78 Jahren, begleitet. Herr Aron, der längst in Israel lebt, wollte hier Abschied von Mutter und Schwester nehmen, die in der Gaskammer ermordet wurden. Man spürte unendliche Trauer und Mitleid für die Ermordeten, Respekt vor denen, die überlebt haben. Wut und Hass gegenüber Hitler und seine vielen Helfer, Verachtung, Schrecken. Uns fehlten die Worte. Auf dem Weg zur Jugendherberge hat kaum jemand gesprochen, auch zum Mittagessen nicht.
Am Nachmittag haben wir alle gemeinsam eine Stadtrundfahrt durch Oświęcim gemacht. Es ist ein niedliches Städtchen mit alten Häusern. Es war gut, etwas so Normales und Schönes zu sehen, das hat uns wieder zum Sprechen gebracht und die Stimmung gelockert. Dort waren wir noch mit einer kleineren Gruppe im Jüdischen Museum.
Am Abend haben wir mit unserer Gruppe ein Gruppengespräch über das Erlebte geführt. Es kam erst nach ein- bis zwei Stunden richtig in Gang, dann wurde es sehr gefühlvoll. Es war wohltuend, über das Erlebte zu sprechen.
Auschwitz II (Birkenau)
Freitag lag eine weitere 4-stündige Führung im Vernichtungslager Birkenau an. Es wurde 1941 in Schnellbauweise errichtet, mit dem Zweck, Juden, Zigeuner, Zeugen Jehovas und Homosexuelle zu vernichten. Insgesamt wurden hier 1,5 Millionen Menschen ermordet. Es wurden 5000 polnische Kinder aus Zamosc getötet.
Auf der Judenrampe fand nach jeder Ankunft eines Zuges die so genannte Selektion statt. Es wurden Kinder, Frauen und Männer getrennt – in arbeitsfähige oder nicht arbeitsfähige Menschen. Die meisten mussten sofort in die Gaskammer. Die anderen bekamen zur Erkennung eine Nummer auf den Arm. Sie hatten damit keine Identität mehr. Die Nummer besagte, als wievielte sie im Lager angekommen waren. Es war wie ein Brandmal bei Tieren. Es musste höllisch weh getan haben.
Birkenau hat ein Gelände von einer Größe 3x3 km, es erscheint unendlich weit. Die Gleise führen immer noch bis zum Denkmal in das KZ hinein. Heute ist der meiste Teil von der Natur zurückerobert worden, die Holzbaracken verwittert, geblieben sind die steinernen Kamine. Die Gaskammern und Krematorien sind von der SS gesprengt worden, bevor die Russen kamen.
Teilweise erscheint das Gelände wie ein Park, geradezu friedlich, wenn nicht überall der schier endlose Stacheldraht wäre und das Bewusstsein, dass wir über ein riesiges Grab gehen.
Am Nachmittag hatte unsere Gruppe ein Zeitzeugengespräch mit Jozef Paczynski, einem ehemaligen Häftling in Auschwitz.
Jozef Paczynski ist heute 90 Jahre alt. Stehend begrüßte er uns auf dem Podium, bevor er sich setzte und uns aus seinem Leben erzählte. Er sprach polnisch und Patrizia, die uns die ganze Zeit begleitet hat, übersetzte.
Er war polnischer Soldat und wurde im März 1940 von den Deutschen gefangen genommen und kam mit dem ersten Transport im Juni 1940 nach Auschwitz, in das Stammlager. Er hatte die Lagernummer 121. Bei seinem ersten Appell brüllte der Lagerkommandant Rudolf Höss: „Ihr könnt hier höchstens drei Monate überleben!“
Herr Paczynski hatte Glück, er wurde im SS-Revier beschäftigt, zunächst im Büro, später musste er dem Friseur helfen. Er schaute zu und lernte schnell. „Ich war ruhig und leise und habe aufgepasst.“ Der Kommandant Höss hat sich von Jozef Paczynski die Haare schneiden lassen. Er verlangte immer nach dem „kleinen Polen“.
Das Lagerleben war hart, zwei Appelle täglich, bei denen sie manchmal stundenlang stehen mussten, bei nur geringen Regelverstößen gab es Prügel. Toiletten und sanitäre Anlagen waren dreckig und durften überhaupt nur zweimal am Tag benutzt werden. Die Folgen waren Seuchen und Krankheiten. Auch Herr Paczynski wurde krank und bekam Typhus: „ Der Tod hat einen immer begleitet, auf jeden Schritt.“
Überlebt hat Herr Paczynski nur mit viel Glück.
Am meisten hat uns erschüttert, was Herr Paczynski über den Lagerkommandanten Höss gesagt hat. Als Friseur kam er auch in das Haus des Kommandanten und da habe er beobachten können, wie liebevoll er mit seiner Familie umgegangen sei. „Wenn man nicht wusste, was er getan hat, man hätte es nicht vermutet.“
Gedenkfeier
Zum Abschluss unserer Fahrt haben wir für den Samstagmorgen an der Judenrampe eine eigene Gedenkfeier vorbereitet. Wir sollten eigene Gedenkrollen, ein Din A3-Blatt mit Band verschnürt, mit unseren Eindrücken und Gefühlen an einen Ort legen, der bei uns persönlich den stärksten Eindruck hinterlassen hatte, an Zäune, Schienen, am Denkmal, am Krematorium, an den Baracken, an der Judenrampe...
Es war sehr feierlich. Aus jeder Gruppe haben Jugendliche etwas dazu gestaltet: Lieder gesungen, selbstverfasste Briefe an die ermordeten Kinder vorgelesen, musiziert, zwei Jungen jüdischen Glaubens haben ein hebräisches Lied mit uns gesungen. Unsere Gruppe hat Gedichte vorgelesen, ein Gedicht haben zwei Schülerinnen von uns selbst gemacht.
Wir sollten nicht klatschen, nicht fotografieren, es war alles sehr leise. Da wir den Ablauf kannten, musste nicht gesprochen werden, am Ende haben sehr viele geweint. Als Josef sprach, haben wirklich alle geweint.
Er sagte, wir seien seine Kinder und Enkelkinder, er würde uns lieben. Er hat uns gedankt, für unser Engagement und Mitgefühl und dafür, dass wir nicht vergessen werden, dass wir die Erinnerungen weitergeben werden, dass sein Schicksal nicht vergessen wird und dass so etwas nie wieder passieren wird. Schalom.
Lena (16 Jahre), Lara (15 Jahre)