Rothschild, Willy
Aus ErPort
Willy Rothschild
Stolpersteinstandort: Do-Lütgendortmund, Lütgendortmunder Str. 68-70
Willy Israel Rothschild wurde am 21.1.1896 in Goddelsheim/Waldeck geboren.
Wann er nach Lütgendortmund verzog, konnte bisher nicht festgestellt werden. Auch seine berufliche Laufbahn konnte bisher nicht eindeutig ermittelt werden. In der Eheurkunde, den Hausstandsbücher und auch in einer Erklärung seiner Frau wird er als Bergmann bezeichnet. In den Adressbüchern erscheint er als Händler. Lt. seiner Tochter betrieb er eine Delikatessenhandlung.
Die weiteren Ausführungen beruhen in der Hauptsache auf den Darstellungen seiner Frau gegenüber dem Dortmunder Amtsgericht und einem Interview eines Archivmitarbeiters, das dieser vor mehr als einem Jahrzehnt mit der Tochter führte.
Willy Rothschild leistete während des I. Weltkriegs Militärdienst und wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter auch mit dem EK I und einem Verwundetenabzeichen. Bei Kriegsende wurde er als Unteroffizier entlassen.
Im Jahre 1918 konvertierte er, der aus einem jüdischen Elternhaus stammte und bisher der israelitischen Glaubensgemeinschaft angehört hatte, zum Katholizismus. Dieser Wechsel dürfte aber nicht in einem Zusammenhang mit seiner späteren Ehe mit einer nichtjüdischen Partnerin stehen, da seine spätere Frau evangelisch war und blieb.
Am 17.11.1922 ehelichte er die Hedwig Pauline Jortzik, * 27.5.1900 in Stockum. Aus dieser Ehe ging eine Tochter hervor, die den Namen Anneliese erhielt.
Lt. seiner Tochter engagierte sich Willy Rothschild im Turnverein Germania, forcierte den Sportplatzbau und das Kinderturnen.
Für die Familie lassen sich in den Adress- und Hausstandsbüchern folgende Anschriften feststellen:
Adressbuch Dortmund Land 1928 Karlstr. 10
Adressbuch Dortmund 1931 Lütgendortmunder Str. 114
Hausstandsbuch Im 2. Westfeld 2 bis 18.12.1931 Lütgendortmunder Str. 16
Hausstandsbuch 18.12.1931-19.12.1934 Im 2. Westfeld 2
Hausstandsbuch 19.12.1934-15.7.1937 Lütgendortmunder Str. 68
Hausstandsbuch 15.7.1937 Lütgendortmunder Str.70
Während der Zeit des Nationalsozialismus befand er sich eigentlich in einer rechtlich geschützten Position, da er Frontkämpfer war und in einer „bevorrechtigten Ehe“ lebte. Er scheint aber immer wieder denunziert worden zu sein, dass er sein „Judentum“ tarne. Seine Tochter, die als „Halbjüdin“ ebenfalls zu leiden hatte, berichtet von Auseinandersetzungen mit Vermietern, Übergriffen während der sogenannten Kristallnacht, Inhaftierungen und Zwangsarbeit.
Im Jahre 1939 wurde er nach den Angaben seiner Tochter eingezogen, obwohl er auf seine jüdische Herkunft hingewiesen hatte, und nach Polen geschickt. Er wurde inhaftiert – wohl wegen Tarnung der jüdischen Abstammung – doch schlug das Gericht das Verfahren nieder. Daraufhin übernahm ihn am 2.11.1939 die Gestapo als Häftling und ließ in erst im Mai 1940 frei. In der Gestapohaft ist es wohl zu erheblichen Misshandlungen gekommen.
1943 erhielt er dann wegen „Tarnung“ eine Strafe von 4 Monaten Gefängnis. Er wollte sich dieser Haft wohl durch Flucht in die Schweiz entziehen, wurde aber aufgegriffen und kam Anfang Juli 1943 erneut in Gestapohaft.
Als Häftling wurde er in Berghofen zur Zwangsarbeit eingesetzt. Obwohl seine Frau keine Besuchserlaubnis bekam, konnte sie sich dort durch Vermittlung Dritter mit ihm treffen. Am 3.10.1943 traf sie ihren Mann nicht mehr am Arbeitsplatz an und erfuhr, dass er von der Gestapo verschickt worden sei.
Bei der Gestapo, die sie umgehend aufsuchte, erhielt sie von einem Beamten namens Schröder die Auskunft, dass ihr Mann nach Auschwitz deportiert worden sei.
Nachdem sie mehrere Jahre kein Lebenszeichen erhalten hatte, stellte sie im Juli 1948 den Antrag, ihren Mann für tot erklären zu lassen. Willy Rothschild wurde daraufhin durch einen Beschluss des Amtsgerichts Dortmund vom 3.8.1948 mit Wirkung 8.5.1945 amtlich für tot erklärt. Die Gerichtskosten fielen dem Nachlass zur Last.
Willy Rothschild ist eindeutig ein Opfer nationalsozialistischer Verfolgungsmaßnahmen und der Shoah.